9. Dezember 1914

 

Ich bin hier, Helen –

Ich bin so glücklich da du mich heute Nacht sehr liebst, da ich beobachte dass deine Gedanken in letzter Zeit so viel mehr bei mir sind; lass mich weiterhin fühlen, dass du mich so sehr liebst.

Als ich erkannt hatte, dass meine Zeit gekommen war fortzugehen, hatte ich keine Angst davor, sondern wartete in Ruhe darauf und dachte dass all mein Leiden bald ein Ende haben wird. Und als mein Geist meinen Körper verlass, fühlte es sich so an, als wenn ich mich aus ihm erheben würde und dass ich mich aufwärts an den Ort begeben würde, von dem ich meinen Vater so oft reden habe hören. Aber mir war kaum klar, dass mein Geist meinen Körper verlassen hatte, als mich deine Mutter in ihre Arme nahm und versucht hatte mir mitzuteilen, dass ich nichts zu befürchten hätte oder auch keinen Grund hätte zu fühlen, dass ich nicht mit denen zusammen wäre, die mich liebten. Sie war so wunderschön, dass ich fast nicht erkannt hätte, dass sie es war und als ich anfing zu bemerken, dass ich mich nicht länger in meinem Körper befand bat ich sie mich nicht zu verlassen, sondern mich dahin mitzunehmen wo sie leben würde. Sie erklärte mir, dass ich nicht dorthin gehen könne, aber dass Gott mir einen Platz vorbereitet hat wohin ich gehen solle und dass sie mich begleiten würde und mir die Wahrheit über mein zukünftiges Dasein zeigen würde. Ich ging mit ihr und sie nahm mich zu einem Ort der sehr schön war und voll mit Geistern, welche erst kürzlich hinübergegangen waren. Sie hat mich nie lange allein gelassen und wenn sie es doch einmal tat kam dein Vater zu mir und sagte: „Ich bin Ned’s Vater und möchte dir dabei helfen, zu erkennen, dass du jetzt in der geistigen Welt bist und du die Gedanken an die Erde dich nicht davon abhalten lassen darfst in solch eine Verfassung zu gelangen, die es dir ermöglicht zu erkennen, dass alle von uns nur darauf warten, dass Gottes‘ Liebe uns hilft höhere und bessere Dinge zu erreichen.“

Deine Großmutter kam bald darauf zu mir und erzählte mir, wer sie war und war so schön und hell, dass ich sie kaum anschauen konnte, da ihr Gesicht so erhellt war mit dem was mir wie himmlisches Licht erschien; und ihre Stimme war so süß und musikalisch dass ich dachte dass sie einer von Gottes‘ Engeln sein müsste, über die ich in der Bibel gelesen hatte. Sie sprach von den Dingen, welche Gott für mich vorbereitet hatte und dass Er wolle, dass ich Ihn liebe und fühle dass Er mich liebt.

Aber nach einer Weile fing ich an zu denken, dass ich durch meine Sicht und mein Hören getäuscht sein müsse und dass ich immer noch auf Erden sein müsse und nur meinen Körper wieder bräuchte um zu wissen, dass ich immer noch eine Sterbliche war. Einige Zeit verging, bevor mir wirklich bewusst wurde, dass ich ein Geist war und nicht auf der Erde war; denn als ich versuchte mit dir zu reden, was ich versucht habe, hast du mir nicht zugehört und dich von mir weggedreht als wenn du mich nicht sehen oder hören könntest. Nach einer kurzen Zeit kamen deine Mutter und dein Vater wieder zu mir und versuchten mich davon zu überzeugen, dass ich nicht weiter daran glauben dürfe, dass ich immer noch auf der Erde sei, sondern glauben müsse, dass ich im geistigen Leben sei und nur die Dinge des Geistes benötigen würde um mich mehr zufriedenzustellen.

Wie du siehst hatte ich sehr viel Glück, dass deine Eltern und Großmutter mich begrüßt haben, als ich hinüberging. Wenn sie mich nicht empfangen hätten, wüsste ich nicht welchem Zustand der Angst und Ablenkung ich ausgesetzt gewesen wäre. Kein Geist kann die Wahrheit des Wandels lernen, außer ihm wird in irgendeiner Weise durch anderen geholfen.

Du siehst also, dass ich da sein werde dich zu empfangen und zu lieben, wenn du hinübergehst, so sehr, dass du nie durch die Periode des Zweifelns gehen musst, wie ich es tat. Dein Vater wartet auch darauf dich empfangen zu dürfen, tatsächlich haben sich alle Geister deines Bandes darauf geeinigt, dass wenn du hinübertrittst, du nichts zu befürchten hast, aus Mangel an Hilfe und Liebe.

Ich sah meine Eltern[1] zum ersten Mal wieder, nachdem ich anfing zu glauben, dass ich in der geistigen Welt war; und als ich sie sah kannten sie mich nicht, sondern sie dachten ich wäre immer noch am Leben und dass sie immer noch auf der Erde seien, da ihnen noch nicht bewusst geworden ist, dass sie in der geistigen Welt waren. Sie waren sehr unglücklich und es hat einige Überredungsarbeit gekostet, sie davon zu überzeugen, dass sie Geister seien und keine Sterblichen. Mein Vater war einfacher davon überzeugt, als meine Mutter, da er früher anfing sich daran zu erinnern, dass der Geist, welcher von Gott bereitgestellt wurde zu Ihm zurückkehren muss, wenn der Tod auf jemanden hinzukommt. Meine Mutter wollte es nicht so schnell glauben, da sie weiter daran glaubte, dass sie mit ihren Bekanntschaften auf Erden war und dass sie sie nicht sehr höflich behandelten, da sie, als sie sie ansprach, ihr nicht antworteten. Aber Gott sei Dank, sie haben nun beide eingesehen dass sie in der geistigen Welt sind und dass sie lernen müssen Gott zu lieben, wenn sie glücklich sein wollen.

Als ich anfing meinen Körper zu verlassen geschah dies ohne Schmerzen oder Leiden, nur das Gefühl dass ich mich aus ihm erhebe war anwesend. Keine Dunkelheit machte sich um mich breit und ich sah meinen Körper dort liegen, als wenn er schlafen würde. Ich versuchte nicht, ihn festzuhalten, aber dachte dass er sich lediglich ausruhen würde und dass ich sobald ich mich wieder erfrischt fühlen würde, ihn wieder übernehmen würde und weiter leben würde wie zuvor. Ich wartete nicht darauf, bis er aufwachen würde, sondern stieg weiter hinauf bis, wie ich dir erzählt habe, deine Mutter mich in ihren Armen hielt – sie war meine eigene geliebte Mutter genauso wie deine.

Ich wusste damals nicht, dass ich sterben würde, aber fühlte dass etwas Ungewöhnliches stattfinden würde und ich hatte keine Angst. Da ich mein ganzes Leben Angst vor dem Tod hatte (wie du weißt); das Komische ist, dass ich den Tod nicht als den Sterbeprozess angesehen habe. Es war nur ein angenehmes traumhaftes Gefühl und ich dachte nur, dass ich nur solange von meinem Körper getrennt sein würde, bis er sich erfrischt hätte. Meine Gedanken handelten überhaupt nicht vom Tod. Ich hatte Schmerzen ausgestanden, aber ich dachte dass ich gesund werden würde und das Gefühl der Erleichterung welches mich überkam, sei das Ergebnis meiner Genesung. So wie sich mein Geist erhob dachte ich nur an meine Verfassung und wie ich bald wieder nach Hause gehen könne und meine Freunde besuchen würde. Keine anderen Gedanken kamen mir in den Sinn – sogar nicht die meiner Liebe zu Gott, oder die Tatsache, dass ich, in Anbetracht meines Seelenzustandes, nicht in der Lage dazu war, meinem Schöpfer gegenüber zu treten, wie es mir gelehrt wurde. Ich hatte absolut keine Angst davor, was mir wiederfahren würde oder dass ich bald aufgesucht werden würde, um für die Sünden welche ich begangen hatte zu büßen. In genau dem Moment, bevor mein Geist meinen Körper verließ, war ich bewusstlos, aber sobald der Trennungsprozess anfing wurde ich mir voll bewusst und wusste über alles was stattfand Bescheid und fühlte nicht, dass ich in Gefahr gewesen wäre oder jemandes Hilfe bedürfe.

Ich blieb nicht bei meinem Körper, als ich anfing ihn zu verlassen, sondern stieg weiter hinauf, wie ich es dir erklärt habe, bis deine Mutter mich traf. Du siehst also, dass der Tod, welchen ich so sehr fürchtete, keine solch furchtbare Erfahrung war.

Ja, mein Sohn kam dorthin wo mein toter Körper lag, ich kehrte zu ihm zurück und sah wie er fortgebracht wurde und danach begraben wurde; aber ich verstand immer noch nicht was es mit all dem auf sich hatte und erst als deine Großmutter mir mitgeteilt hatte, dass ich ihn nicht länger bewohnen solle, fing ich an zu erkennen dass ich ihn für immer zurückgelassen habe. Aber selbst dann hatte ich das Gefühl, dass sie falsch lag und dass ich auf irgendeine Weise wieder zu ihm zurückkehren würde und weiter auf Erden leben würde.

Ja, nachdem ich für kurze Zeit in der geistigen Welt war, sah ich andere geistige Formen und selbst dann war ich noch nicht in der geistigen Verfassung zu verstehen, dass sie Geister waren und keine Sterblichen. Die Ähnlichkeit ist sehr echt für jemanden welcher seine geistigen Augen noch nie geöffnet hatte; und obwohl all die geistigen Formen viel schöner und heller erscheinen, dennoch schienen sie mir alle menschliche Formen zu sein und ich dachte dass ich nicht in der Verfassung war, um genau zu erkennen, um was es sich bei ihnen handelte.

Du musst mich nun aufhören lassen, da ich müde bin.

Deine wahrhaft eigene und dich liebende – Helen

 

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[1] Helens’ Mutter starb 1905; ihr Vater starb im Januar 1913.